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Ärztliche Suizidbeihilfe – Die „Schwächen“ eines Diskurses: Ängste der deutschen Ärzteschaft (!?)

Dieser Eintrag stammt von Moderator Am 30.1.2011 @ 10:06 In Uncategorized | 1 Kommentar

Auf der Suche nach den Ursachen für die Zählebigkeit eines Wertediskurses, in dem es zuvörderst um Aufklärung und eine offene Diskussion gehen sollte, werden wir schnell fündig: Die modernen Gegenwartsethiker und freilich in ihrem Gefolge die Mehrheit der führenden Palliativmediziner verfügen über eine Präsenz in den Medien, von der die eher liberal Denkenden nur „träumen“ können, auch wenn es immerhin ein Arzt geschafft hat, mit seiner Publikation aus dem letzten Jahr „Wie wollen wir sterben“ die Öffentlichkeit zu erreichen und ohne Frage das Interesse der Medien geweckt hat. 

„Der Berliner Arzt Michael de Ridder hat mit seinem Buch die Diskussion zum Thema Sterben in unserer Gesellschaft angeregt und in zahlreichen Interviews und Gesprächen seine Forderungen nach einer neuen Sterbekultur Ausdruck verliehen“, so eine Passage (vgl. Bonn Lighthouse.de >>> [1] http://www.bonn-lighthouse.de/2010/wie-wollen-wir-sterben/ )aus einer der vielfältigen Rezensionen zum Buch. 

Hierbei dürfte außer Frage stehen, dass das Buch von Michael de Ridder und vor allem seine Lesungen überwältigenden Zuspruch bei den Leserinnen und Lesern und Zuhörerinnen und Zuhörern findet, „lebt“ doch sein Buch von tragischen Einzelschicksalen, die dass ethische Dilemma in besonders dramatischer Weise und damit das individuelle Leiden vor Augen führt und so letztlich die Leserinnen und Leser mit medizinischen Fallkonstellationen konfrontiert, die unmittelbare Betroffenheit bewirken, aber eben auch im Innersten angesichts solchen ungeheuren Leids die Überzeugung reifen lässt: So möchte ich wahrlich nicht leben (alternativ dazu: sterben). 

 

Der Autor „Michael de Ridder gehört zu den Ärzten, die die unwürdigen Bedingungen eines Sterbens im Krankenhaus nicht länger mit ansehen wollen. Sein Buch rüttelt auf“ der  Rezensent Michael Pawlik von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meint dazu:  

„Der Appell de Ridders zum Umlenken wird vermutlich ebenso wirkungslos verhallen wie zahlreiche ähnliche Mahnungen vor ihm. Aber jedenfalls wird nach der Lektüre dieses aufrüttelnden Buches später niemand sagen können, er habe von nichts gewusst.” (Quelle: >>> [2] Frankfurter Allgemeine Zeitung (13.04.2010) <<<) und in der Tat: Auch wenn es noch nicht einmal ein Jahr her ist, wo dass Buch in den Handel gelangte, kann es Sinn machen, ein erstes Fazit zu ziehen, ob die These des Rezensenten M. Pawlik sich bewahrheitet hat und zwar gerade mit Blick auf den intraprofessionellen Diskurs. 

Zu fragen also wäre, ob sich z.B. ein Dr. de Ridder in der Debatte um die ärztliche Suizidassistenz von seinen Kollegen gut begleitet fühlt, nachdem er eine diesbezügliche Frage, ob er sich von den Kirchen begleitet fühlt, in dem von der Süddeutschen Zeitung dokumentierten „Streitgespräch“ hinreichend klar beantwortet hat: „Überhaupt nicht. Ich sehe nicht, wo ich mich schuldig mache.“ (vgl. dazu Süddeutsche Zeitung Nr. 224, S. 8 v. 28.09.10; online zugänglich auf der Homepage v. Bischof a.D. Huber >>> [3] http://www.wolfganghuber.info/Wolfgang_Huber/Standpunkte_files/SZ-28.09.2010-8-Mein_Arzt_der_Sterbehelfer-1336939014-Seite-1.pdf ) und in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen in der Debatte um die Liberalisierung des ärztlichen Berufsrechts könnte es nunmehr Sinn machen, sich selbst die Frage zu stellen und zu beantworten. 

Als jemand, der die intraprofessionelle Debatte mit großem Interesse verfolgt, ist mein Fazit leider mehr als ernüchternd, wird doch auch ein Dr. de Ridder mit seinem Plädoyer im interprofessionellen Diskurs zwar zur Kenntnis genommen, wenngleich seine Thesen nicht wahrhaftig erörtert werden und in der Tat gegenwärtig aber auch alles dafür spricht, dass sein Appell wirkungslos verhallen wird. Der Wunsch einer Redakteurin, dass die Ärzte von ihm lernen können, wird nicht in Erfüllung gehen, zumal vom Selbstverständnis einiger Palliativmediziner überhaupt nicht ausgemacht zu sein scheint, wer hier eigentlich von wem zu lernen hat: erinnern wir uns daran, eine Studie zur Sterbehilfe zu nachhaltigen Irritationen geführt und die führenden Palliativmediziner auf den Plan gerufen hat, die gleich ihre Kolleginnen und Kollegen versucht haben, zu disziplinieren. 

Die Gegenwartsethik schreitet voran und macht im wahrsten Sinne des Wortes Mobil; so manche Überschrift ist an Dramatik kaum noch zu überbieten: 

„Legalisierung der Sterbehilfe tödlich für die Palliativmedizin“ (so die Tagespost >>> [4] http://www.palliativzentrum-koeln.de/bisher/print/tagespost_06sep08.pdf <<<) und freilich lassen die Palliativmediziner nicht nach, eben vor einem solchen „Tod“ angesichts aller bisherigen Anstrengungen im Bereich von Palliativmedizin und Hospizarbeit zu warnen.  

Die Palliativmediziner halten ebenso wie die Befürworter einer Liberalisierung der Sterbebeihilfe zündende Plädoyers, sprechen „Warnungen“ aus, lassen keinen Zweifel an ihren guten Absichten aufkommen, fühlen sich im „Geiste“ mit der frohen Kunde insbesondere der beiden verfassten Amtskirchen verbunden und da dem so ist, gilt es, Mehrheiten zu organisieren – Mehrheiten, die sich ohne Frage eingestellt haben, werden doch insbesondere die Abweichler unter den Medizinern zunehmend mit Nichtbeachtung abgestraft und sofern diese ausnahmsweise noch gehört werden, müssen diese sich einer ethischen Grundvorlesung unterziehen, in gut gemeinten Hoffnung der Oberseminaristen, dass die Kollegin oder der Kollege endlich den Worten des „Evangeliums“ der großen Schar der Palliativmediziner Glauben zu schenken vermag, anderenfalls diese im intraprofessionellen Raum Gefahr laufen, als diejenigen „vorgeführt“ zu werden, die schlicht den Wert der Palliativmedizin nicht erkannt haben. 

Woran aber liegt es, dass es den Befürwortern der Liberalisierung der Sterbehilfe und damit auch einer Neubewertung des Arztethos nicht gelingt, ebenfalls sich zu organisieren?  

Ein Dr. de Ridder erscheint uns als eine Art „Messias“, der scheinbar etwas „Verbotenes“ zur Diskussion stellt, auch wenn dies freilich vor ihm andere auch schon längst getan haben. Geht es vielleicht um „Eitelkeiten“, die den einen oder anderen Ethiker und Mediziner daran hindern, sich zu einer Allianz zusammen zu schließen, um so jedenfalls den Eindruck verhindern zu können, als seien hier im Diskurs mit Ausnahme der großen Schar der Palliativmediziner und letztlich der Befürworter der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen nur „Einzelkämpfer“ unterwegs, die gegen den Strom eines Zeitgeistes einer vermeintlich tugendhaften und wohlfeilen ethischen Gesinnung der Neopaternalisten schwimmen – besser wohl, sich anmaßen, der ganz „herrschenden Ethik“ nicht entsprechen zu wollen? 

Auch der Berliner Arzt de Ridder zieht gelegentlich ein ernüchterndes Fazit; in einem Interview, das Patricia Block mit ihm führte, antwortete er auf die Frage: 

„DIESSEITS: Welche Reaktionen von Kollegen haben Sie auf ihr Buch bekommen? 

DE RIDDER: Die Reaktionen waren ausschließlich positiv. Das hatte ich auch erwartet. Zwar sind die Medizinerkollegen noch etwas zurückhaltend, aber auch sie ermutigen mich. Nicht alle können oder wollen dazu öffentlich Stellung nehmen, zum Beispiel weil sie ganz genau wissen, sie kennen sich mit speziellen Fragen des Lebensendes nicht gut genug aus. 

DIESSEITS: Vor dem Erscheinen des Buches hörte man gelegentlich, dass Sie sich darin für die Möglichkeit eines ärztlich assistierten Suizids aussprechen würden. Das tun Sie allerdings nur sehr verhalten. Ist die Zeit noch nicht reif? 

DE RIDDER: Ich habe mit dem Buch eine Debatte angestoßen. Wir werden sehen, was sich daraus ergibt. Ich möchte ausdrücklich betonen, auch um Vermutungen energisch zu widersprechen, der ärztlich assistierte Suizid steht nicht im Mittelpunkt meiner Veröffentlichung, meine Herzensangelegenheit ist es vielmehr, dass wir wieder lernen, unsere Sterblichkeit zu akzeptieren. Mein Buch ist ein Plädoyer für eine qualifizierte Palliativmedizin, die die Menschen am Lebensende gut versorgt. Es ist mir wichtig, dass die Menschen aufgeklärt werden über alle Möglichkeiten, die es für diese Phase gibt und dass diese Möglichkeiten dann auch voll ausgeschöpft werden.“(Quelle: diesseits 2. Quartal, Nr. 91/2010 - Zeitschrift des Humanistischen VerbandesWir Ärzte müssen lernen, Sterben zuzulassen, v. Patricia Block; online unter >>> [5] http://www.schattenblick.de/infopool/weltan/human-vd/whfr0002.html <<<) 

Nur wenige Monate später nach diesem Interview zieht der Mediziner de Ridder abermals ein  „Fazit“ in der Badischen Zeitung (01.01.10): 

„Manchmal wundert er sich, wieso er zwar bei Lesungen und auch medial ein enormes Feedback bekommt, aus den eigenen Reihen aber kaum Reaktionen.“Ich frage mich schon, wieso ich eigentlich der Einzige bin, der darüber ein Buch schreibt – bei so vielen Ärzten.” Vielleicht sind es die Karriereerwägungen der Kollegen, die Furcht, durch Offenheit zum Paria zu werden, oder es ist der Standesdünkel, der die Erörterung mancher Fragen verbietet. “Vielleicht ist es aber auch so, dass Mediziner eine Ausbildung und ein hierarchisches System durchlaufen, das nicht gerade dazu erzieht, unabhängig zu denken und zu handeln.” (Quelle: Notfallmediziner: Sterben lassen ist kein Versagen, v. K. Bauer, 01.09.10 >>> [6] http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/notfallmediziner-sterben-lassen-ist-kein-versagen–34945165.html <<< 

Freilich – wenn sich schon der Mediziner über die verhaltenen Reaktionen aus der Kollegenschaft wundert, um wie viel mehr zeigt sich die interessierte Öffentlichkeit aber auch die anderen Wissenschaften davon überrascht, dass eine offene und ehrliche Diskussion nicht entfacht wird und eigentlich die Frage provoziert, wo denn all die Ärztinnen und Ärzte geblieben sind, die zumindest in anonymen Befragungen für eine Liberalisierung der Suizidbeihilfe eintreten? 

Bücher und Beiträge sind allerdings so rar nicht, wie man/frau nach den Worten de Ridders vermuten könnte – eher das Gegenteil ist anzunehmen, so dass gelegentlich behauptet wurde, es gäbe eigentlich nichts mehr auszuführen, da bereits alles gesagt sei. Vielleicht aber liegt hier ein „Problem“ besonderer Art: Die Komplexität des seit Jahrhunderten andauernden „Wertediskurses“ in all seinen Facetten und um den m.E. eine Klammer gezogen werden kann: ein fortwährender „Kulturkampf“ (auch wenn dieser gelegentlich von einigen Humanisten geleugnet wird, was allerdings rational nicht nachvollziehbar erscheint), der zu dem häufig mit überaus empathischen Bekenntnissen zur „Würde des Menschen“ an der Schnittstelle zur „göttlichen Wahrheit“ und ihrer transzendenten Offenbarungsquellen geführt wird, die – um der Bedeutung eben der jeweiligen Argumentation auch noch ein besonderes Gewicht beimessen zu können – kurzerhand zu „Fundamenten“ einer an sich wünschenswerten liberalen Verfassungsordnung erklärt werden, auch wenn das „christliche Fundament“ gegenwärtig mehr als brüchig geworden zu sein scheint. 

Ist es dem Zufall geschuldet, dass der Mediziner de Ridder darüber spekuliert, dass ggf. seine Kolleginnen und Kollegen sich davor fürchten, „durch Offenheit zum Paria“ zu werden und wenn nein, dann bliebe freilich nachzufragen, ob einzelne Ärztinnen und Ärzte Angst davor haben, als „Ausgestoßene“ oder als „Außenseiter“ oder vielleicht gar als Dalits, die sog. „Unterdrückten“, stigmatisiert zu werden? 

Nun – ich kann und will die aufgeworfene Frage nicht beantworten, wohl aber an dieser Stelle nicht verabsäumen, darauf hinzuweisen, dass der „Kulturkampf um das sittlich annehmbare Leben und Sterben“ nicht frei von Herrschaftsideologien (und gelegentlichen Phantasien) war und demzufolge es auch gegenwärtig nicht ist, sondern geradezu diesen charakterisiert und mittlerweile eine eigene Dynamik entwickelt hat, die über das reine Philosophieren hinausragt: „Der Kampf“ um das „Recht“ – näher hier der Kampf um die Interpretationsherrschaft über grundlegende Freiheiten des Individuums, die positivrechtlich in unserem Grundrechtskatalog verbürgt sind! 

Es wird also darauf ankommen, Position im Diskurs zu beziehen, auch wenn es vielleicht aus der Sicht der Ärztinnen und Ärzte gilt, ggf. vorhandene Ängste und damit Befürchtungen vor einem vermeintlichen Reputationsverlust abzubauen. 

Lutz Barth


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F9B0146BB4960E~ATpl~Ecommon~SMed.html

[3] http://www.wolfganghuber.info/Wolfgang_Huber/Standpunkte_files/SZ-28.09.2010-8-Mein_Arzt_der_Sterbehelfer-1336939014-Seite-1.pdf: http://www.wolfganghuber.info/Wolfgang_Huber/Standpunkte_files/SZ-28.09.2010-8-M
ein_Arzt_der_Sterbehelfer-1336939014-Seite-1.pdf

[4] http://www.palliativzentrum-koeln.de/bisher/print/tagespost_06sep08.pdf: http://www.palliativzentrum-koeln.de/bisher/print/tagespost_06sep08.pdf
[5] http://www.schattenblick.de/infopool/weltan/human-vd/whfr0002.html: http://www.schattenblick.de/infopool/weltan/human-vd/whfr0002.html
[6] http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/notfallmediziner-sterben-lassen-ist-kein-versagen–34945165.html: http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/notfallmediziner-sterben-lassen-ist
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