- Ärztliche Assistenz beim Suizid - http://aerztliche-assistenz-beim-suizid.nursing-health-events.de -
Wie wird (oder soll!?)die aktuelle Debatte um die ärztliche Suizidbeihilfe von der Öffentlichkeit wahrgenommen (werden)?
Dieser Eintrag stammt von Moderator Am 19.8.2010 @ 16:40 In Uncategorized | Keine Kommentare
Spätestens seit der Erscheinung des schon im Gewande eines „Klassikers“ uns allen offenbarten Buches des Berliner Arztes Dr. Michael de Ridder mit dem Titel „Wie wollen wir sterben“: ?: Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin (März 2010 mag der eine oder andere Interessierte den Eindruck gewinnen, als werde mit dem Thema insgesamt ethisches Neuland betreten und da dem so sei, erscheint es allemal angebracht, einstweilen noch vornehme Zurückhaltung zu üben, zumal wir Deutsche doch gerade eine besondere Verantwortung vor dem Hintergrund unserer ureigenen Vergangenheit zu tragen und vor allem auch wahrzunehmen haben.
Der Eindruck in der öffentlichen Wahrnehmung, dass hier gegenwärtig ethisches Neuland betrete werde, wird leider nicht selten durch manche verklärende Überschriftenzeilen forciert, in dem in ihnen geradezu pathetisch anmutend darauf hingewiesen wird, dass Dr. de Ridder nicht allein sei, da insoweit sich mehr als 30% der Ärztinnen und Ärzte sich Suizidbeihilfe vorstellen können, wie sich im Übrigen unstreitig aus der erst jüngst veröffentlichten und von der BÄK in Auftrag gegebenen Umfrage ergibt.
Derzeit findet die Debatte überwiegend entweder in Feuilletons oder unter der Rubrik Wissenschaft von mehr oder weniger wichtigen Tages- oder Wochenzeitungen oder Zeitschriften statt und freilich könnte so in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, als stehen wir alle vor dem Beginn einer Grundsatzdebatte über ganz existentielle Fragen des Lebens und des Sterbens, die nun allerdings so neu nicht ist und sich von daher der Verdacht aufdrängt, dass hier ein stückweit die Öffentlichkeit in ihrer Wahrnehmung – wenn schon nicht „getäuscht“ – so doch aber im Ungewissen gelassen wird, dass die Frage der ärztlichen Suizidassistenz seit Jahren für einmal mehr oder wenigen lebhaften Zündstoff unter den verschiedenen „Fraktionen“ geführt und letztlich zu keinem Konsens geführt hat!
Besonders dramatisch allerdings ist es in diesem Zusammenhang stehend, wenn allen voran die modernen Gegenwartsethiker von der – dies sei mir nachgesehen – sog. Lebensschützer-Fraktion ihre Ethik als Wissenschaft anpreist und zugleich in einem aktuellen Diskurs es tunlichst vermeidet, exakt diese Wissenschaft zu betreiben!
Ist es redlich, ältere, aber durchaus einschlägige und bedeutsame Publikationen zum Thema gegenwärtig nicht mehr zu erwähnen und so eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen zu vermeiden?
Geht es im modernen Wissenschaftsbetrieb letztlich darum, auf höchstem Niveau einen Paternalismus sui generis zu zelebrieren – frei nach dem Motto: Der gute Ethiker weis schon, was das gemeine Volk oder im Zweifel der wissenschaftliche Nachwuchs zu lesen hat, um den Ansprüchen einer guten ethischen und moralischen Einstellung gerecht werden zu können?
Nun – es ist mittlerweile bekannt, dass ich persönlich wohl eher zu den unbequemen und streitbaren Diskutanten gehöre und durchaus bereitwillig eingestehe, dass ich „nicht gefallen möchte“ und zwar ungeachtet einer rethorischen Figur!
Ich finde es aber in einer zunehmenden Masse unerträglich, dass die Diskussion stets ihren „Anfang“ nimmt und über das bisher bereits „Gedachte“ beredt geschwiegen wird.
In diesem Sinne möchte ich heute die Gelegenheit nutzen, Ihnen eine Literaturstelle zum weiteren Lesestudium zu empfehlen, die aus dem Jahre 2000 stammt:
Das medizinisch assistierte Sterben:Zur Sterbehilfe aus medizinischer, ethischer, juristischer und theologischer Sicht,Hrsg. Adrian Holderegger (2. erw. Aufl. 2000)
Die Einzelbeiträge stammen aus den Federn verschiedener Autorinnen und Autoren und dokumentieren eindrucksvoll, dass die Debatte so aktuell wahrlich nicht ist, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird – sei es bewusst oder unbewusst. Freilich darf, kann und soll über die eine oder andere Position diskutiert werden, denn schließlich ist die Wissenschaft ganz allgemein der Wettbewerb um das bessere Argument; problematisch wird es allerdings dann, wenn Wissenschaftsbeiträge kaum noch Erwähnung finden und so sich bei mir persönlich nachhaltig der Eindruck verfestigt, als werde mal wieder ganz fleißig dem „Gespenst der sog. herrschenden Lehre“ speziell in der Ethik als Wissenschaft neue Nahrung gegeben, ohne die bisherige „Kost“ verdaut zu haben!
In diesem Sinne würde ich mir auch erlauben wollen, Ihr Augenmerk auf den Beitrag von Bettina Schöne-Seifert „Ist Assistenz zum Sterben unärztlich?“, S. 98 ff. zu lenken, ohne aber die anderen Beiträge geringschätzen zu wollen.
Lutz Barth (19.08.10)
Dieser Artikel wurde ausgedruckt ab Ärztliche Assistenz beim Suizid: http://aerztliche-assistenz-beim-suizid.nursing-health-events.de
URL zum Artikel: http://aerztliche-assistenz-beim-suizid.nursing-health-events.de/2010/08/19/wie-wird-oder-solldie-aktuelle-debatte-um-die-arztliche-suizidbeihilfe-von-der-offentlichkeit-wahrgenommen-werden/
Klicken hier zum Drucken.