Ärztliche Assistenz beim Suizid Wege aus der Tabuisierung?

2.7.2010

Auch Demente kommen in den Himmel…

Filed under: Uncategorized — Moderator @ 08:47

und so gesehen wird sich wohl der gläubige Christ bereits hier auf Erden mit der Frage auseinanderzusetzen haben, welchen Willen er in seiner Patientenverfügung niederzuschreiben gedenkt. 

Die Diskussion darüber, ob der zunächst noch von kognitiven Einbußen „verschonte“ Erdenbürger überhaupt für den Fall einer späteren Demenz eine Patientenverfügung treffen darf, scheint „eingeschlafen“ zu sein. Zur Erinnerung: Der Palliativmediziner Chr. Student hat seinerzeit im Zuge der zeitweilig fundamentalistisch anmutenden Debatte über den Sinn und Zweck der Patientenverfügung die These zu bedenken gegeben, dass sich dem Fortschreiten der dementiellen Erkrankung gleichsam eine „andere Person“ konstituiert, für die wir dann gleichsam „Verantwortung“ tragen und letztlich uns patientenautonomer Verfügungen zu enthalten haben, die unmittelbar auf die Beendigung etwa der physischen Existenz gerichtet resp. deren unweigerliche Folge sind. 

Im öffentlichen Diskurs wurde die diesseits vorgetragenen Fragen und Argumente nicht vertieft – aber nicht etwa deshalb, weil die Anfragen „spitzbübischer Natur“ waren, sondern weil es in Zeiten der allgemeinen Verklärung der Demenz sich nicht schickt, auch der individuellen Bewertung der Demenz in späteren Jahren einen Stellenwert einzuräumen, die zugleich auch die Option beinhaltet, für sich den Zustand der Demenz für nicht „lebenswert“ zu bewerten. Freilich: In Zeiten der gesundheitsökonomischen Krise drängt sich zugleich die Schreckensvision insbesondere in das Bewusstsein der „Engel der Dementen“, die Gesellschaft könnte dann gleichsam das „sozialverträgliche Ableben“ einer immer größer werdenden Patientengruppe einfordern und da nimmt es dann auch nicht wunder, wenn mehr oder minder direkt an die unrühmliche Schrift der Autoren Binding /Hoche und damit an die „Freigabe unwerten Lebens“ erinnert wird, so dass auch der dementiell Erkrankte dringend davor zu schützen sei, eben nicht als „Ballastexistenz“ in unserer Gesellschaft begriffen zu werden oder aber frühzeitig in die Rolle eines „Erblassers“ durch die Verwandten gedrängt zu werden, weil mit den Möglichkeiten der modernen Medizin und damit der gesteigerten Lebenserwartung der Dementen gleichsam auch das „Erbe“ ausgezerrt wird. 

Ein solche Argumentation ist zwar einfach gestrickt, hat bisher aber trotz seiner Schlichtheit im Wertediskurs nicht seine Wirkung verfehlt: Wer will sich denn schon dem Ruf aussetzen, angesichts der Gefahr eines verlustig gehenden Erbanteils die Entscheidung des Dementen nach einem frühzeitigen Ableben befördert oder als Gesellschaft die gebotene Solidarität mit den Erkrankten dergestalt rationiert zu haben, dass es eine Opfergrenze gibt, bis zu der es dem Kollektiv als zumutbar erscheint, für die Therapiekosten im weitesten Sinne aufzukommen? 

Nun – ich möchte die in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Fragen ganz bewusst nicht vertiefen – nicht etwa deshalb, weil ich mich scheue, mich diesbezüglich zu positionieren, sondern weil ich die Ängste nicht teile, dass es künftig vielleicht eine wie auch immer geartete „Pflicht zum sozialverträglichen Frühableben“ geben wird, auch wenn ich durchaus die Gefahr eines Generationenkonflikts sehe. Vielmehr lasse ich mich von der rechtsethischen Vorstellung leiten, dass unser Selbstbestimmungsrecht den Weg in einen Konsens ebnen kann und vor allem auch wird, der zugleich zur Entideologisierung der Debatte beitragen kann und den wahrhaftigen Überzeugungstätern mehr an Argumentationslasten auferlegt, als es bisher nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern vor allem auch im Fachdiskurs (der zuweilen mehr als mittelmäßig ist) den Anschein hat. 

Es erscheint in diesem Sinne wohl nicht mehr als ausreichend, sich „nur“ noch auf das Selbstbestimmungsrecht zu berufen, weigern sich doch nach wie vor namhafte Diskutanten beharrlich, den Grund und die Reichweite des verfassungsrechtlich verbürgten Selbstbestimmungsrechts um ihres missionarischen Sendungsauftrages (im Sinne eines dolus directus) zur Kenntnis nehmen zu wollen. Gerade die (Medizin)Ethik ist im Begriff, an den Fundamenten des Selbstbestimmungsrechts und damit weitestgehend der Autonomie des Menschen und damit freilich auch des Erkrankten nicht nur zu „rütteln“, sondern es geradezu mit „ethischen Nebelbomben“ wegzusprengen: Die Natur des Selbstbestimmungsrechts als subjektives Recht mit seiner Verortung im Grundgesetz wird zunehmend geleugnet und vielmehr mit „Pflichten“ ausgestattet, die nun zwar nicht aus der „objektiven Wertordnung“ des Grundgesetzes entlehnt sind, sondern aus einer geradezu entfesselten Medizinethik, die zwischenzeitlich mehr klerikale Züge denn einer von der Ratio bestimmten Wissenschaft aufweist. Die Verfechter des ohne zur Fremdbestimmung führenden Selbstbestimmungsrecht sind in den letzten Jahren zunehmend in eine Defensivrolle gedrängt worden, obgleich die Last der Argumentation insbesondere denjenigen auferlegt wird, die von „fundamentalen Rechtseinsichten“ abzuweichen gedenken wollen. Dem „Recht“ und hier insbesondere dem Verfassungsrecht kommt daher die eminent wichtige Rolle zu, der Ethik und Moral im Allgemeinen, aber eben auch der Medizinethik im Besonderen deutlich die Wegmarken zu skizzieren, innerhalb derer die Diskussion um die Reichweite der patientenautonomen Verfügungen stattzufinden hat, die – entgegen mancher Auffassungen in der Literatur – nicht dem intraprofessionellen Standesrecht der Ärzteschaft zur Lösung übertragen werden kann. Einerseits hat die zähe Debatte um das Patientenverfügungsgesetz gezeigt, dass jedenfalls die BÄK sich von einem ethischen Paternalismus leiten lässt, der zunehmend unerträglich geworden ist und bei dem das geschriebene Verfassungsrecht aus nicht nachvollziehbaren Gründen negiert wird. Diesbezüglich spielt es eher eine untergeordnete Rolle, ob dies aus Unkenntnis oder schlichter Ignoranz geschieht, da die Folgen für die verfasste Ärzteschaft jedenfalls gravierender sind, als bisher allgemeinhin angenommen. Inzident muss sich die Ärzteschaft dem pseudowissenschaftlich konstruierten Vorwurf der eigenen Profession (!) aussetzen, ggf. „ethisch und moralisch“ zu „verrohen“, obgleich doch die einzelne Ärztin und der einzelne Arzt in ihren Gewissensentscheidungen frei sind (was gelegentlich auch von den Funktionären stets ganz artig betont wird). Die derzeit beklagenswerte Unfreiheit mündet so unversehens in eine „Geiselhaft“ der verfassten Ärzteschaft, die sich erkennbar der ethischen Bevormundung nicht nur ihrer Kammern, sondern auch so manchen Ethikfürsten nicht zu entziehen getraut, mal von wenigen Ausnahmen abgesehen. 

Ausgehend von der transzendenten Vorstellung, dass auch „Demente in den Himmel“ aufgrund ihrer Patientenverfügung kommen können, wird im Zuge der Debatte um die ärztliche Suizidbegleitung – die diesseits im Kern als zulässig und im Übrigen als humaner Akt ethisch zu bewerten ist – auch die Frage zu vertiefen sein, ob künftig der Demente einen „Anspruch“ auf ärztliche Suizidbegleitung qua Patientenverfügung formulieren und damit geltend machen könnte.  

Anders gefragt:  

Darf die „Tatherrschaft“ qua Patientenverfügung delegiert werden, wenn und soweit die Voraussetzungen hinreichend bestimmt sind und diese Entscheidung des späteren Dementen zu einem Zeitpunkt geäußert wird, in dem er frei von kognitiven Einbußen ist? 

Kann der spätere Demenzpatient das ungeschriebene „Verbot der Selbstentleibung“ dadurch umgehen, in dem er bereits in seiner Patientenverfügung um eine ärztliche Suizidbegleitung nachsucht, wenn die von ihm in conkreto benannten Voraussetzungen vorliegen? 

Nun – durchaus schwierige Fragen, die allerdings mittelfristig auf die Agenda zu setzen sind, zumal diesseits davon ausgegangen wird, dass die ärztliche Suizidassistenz künftig ohne standes- oder berufsrechtliche Sanktionen möglich sein wird. 

Wenn sich nunmehr bei einigen LeserInnen das blanke Entsetzen eingestellt haben dürfte, habe ich dafür freilich Verständnis. Andererseits mag aber bedacht werden, dass auch der Demente in seinem Leben nicht frei von schwerer Krankheit bleiben muss, so dass auch er vielleicht einen „Anspruch“ formulieren könnte, ggf. um ärztliche Suizidbeihilfe nachzusuchen. 

Wie wäre wohl der „Fall“ zu lösen, wenn der „beatmete Kopf“ zusätzlich neben seiner Primärerkrankung an vaskulärer Demenz erkranken wird? 

Sofern der „beatmete Kopf“ (ich finde diese Umschreibung eigentlich fürchterlich, wenngleich er sich zumindest in den Medien etabliert haben dürfte) noch frei von kognitiven Einbußen ist, könnte er sich für einen Suizid entscheiden und hierbei ggf. auf ärztliche Assistenz hoffen – wenn er allerdings durch ein plötzlich eintretendes Ereignis seiner kognitiven Fähigkeiten „beraubt“ wird, muss er dann auf „ewig“ weiterleben oder kann er Vorsorge in einer Patientenverfügung treffen, wenn er zwar für den Fall der Primärerkrankung sich für ein Weiterleben entscheidet, gleichwohl aber „sterben“ möchte, wenn und soweit er dement ist und zwar unabhängig davon, dass er seinen letzten Willen über die Beendigung einer im Zweifel gebotenen künstlichen Ernährung anderweitig absichern könnte? 

Ich lasse Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein und ich werde zu späterer Zeit auf das aufgeworfene Problem wieder zurückkommen. 

Lutz Barth

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