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Archive für 22.2.2010
Wird der Sterbehilfe-Diskurs durch „Bauernregeln“ bestimmt?
22.2.2010 von Moderator.
Derjenige, der beabsichtigt, diese Frage einer Beantwortung zuzuführen, wird in der Literatur nicht schnell fündig werden, verstehen es doch vornehmlich die herrschenden Diskursteilnehmer, ein kritisches Nachfragen nicht zuzulassen. Das „Ob“ und „Wie“ einer Debatte wird ganz maßgeblich durch „Bauernregeln“ beeinflusst, deren verbindlichkeitsstiftender (Norm-)Charakter nicht mehr in Zweifel gezogen werden darf und von daher macht es freilich auch Sinn, in Gegenwartsschriften hierauf nicht mehr näher einzugehen.
Allerdings gibt es hier Ausnahmen, die zu erwähnen insbesondere deshalb umso vordringlicher erscheinen, weil einige Autoren mit beachtlichen Argumenten die aktuelle Debatte als einen pseudowissenschaftlichen Diskurs und nicht selten die tragenden Argumente einer konservativ geprägten Lehrmeinung als Leerformeln entlarven.
Große „Denker“ unsere Zeit geraten so in den Fokus einer kritischen Wissenschaft, die nun allerdings nicht durch eine Profession federführend bestimmt wird. Es regt sich an verschiedenen Orten der Unmut über die teilweise unglaubliche wissenschaftliche Arroganz einiger Diskutanten, die ohne Frage sich ganz bewusst auf eine Mission begeben haben, die einer Klerikalisierung der Sterbehilfedebatte gleichkommt und als ein Feldzug im 21. Jahrhundert nicht nur gegen fundamentale Grundrechte gewertet werden kann, sondern vor allem auch einer wahrhaftigen Kultivierung des Sterbens hinderlich ist.
Mit dem Gestus der Wissenden und gelegentlich professoralem Gehabe werden weiterhin in der Debatte Mythen genährt und wir sind weit davon entfernt, eben diese Mythen als dass zu enttarnen, was sie im Kern sind: Ideologien oder alternativ dazu: schlichte „Bauernregeln“, die aber gerade aufgrund ihrer Schlichtheit verdächtig sein müssen und nicht dadurch gehaltvoller werden, in dem diese gebetsmühlenartig immer wieder vorgetragen werden.
Das Gespenst einer vermeintlich „herrschenden Lehre“ geht um, obgleich es weniger darum geht, zu „lehren“ als vielmehr zu „herrschen“ und da dies meine feste Überzeugung ist, soll auch daran erinnert werden, dass unser Grundgesetz zuvörderst auch „Herrschaftsverhältnisse“ organisiert und freilich zum Ausgleich bringen soll, bei denen die subjektive Grundrechte eine zentrale Rolle spielen , auch wenn diese gelegentlich zum „Spielball“ heteronomer Interessen und Interessenverbände werden und die fortwährend bemüht sind, ihren Einfluss innerhalb unserer Gesellschaft geltend zu machen und in diesem Sinne sich – wohlwissend um die Spielregeln einer parlamentarisch-repräsentativen Demokratie – ganz unverblümt auch an die Adresse der politisch Verantwortlichen mit ihren Anliegen wenden, vorzugsweise an diejenigen, die auf ein „C“ in ihrem Parteinamen blicken können.
Nun – zunächst darf hier konstatiert werden, dass die Mission der federführenden Diskutanten der letzten Jahre mit Blick auf die Verhinderung eines Patientenverfügungsgesetzes insofern gescheitert ist, weil schlicht die Abgeordneten sich mehrheitlich für das Selbstbestimmungsrecht ausgesprochen haben. Ein anderes „Ergebnis“ wäre auch angesichts unserer Werteordnung im Grundgesetz fatal gewesen und insofern ist so manche „Bauernregel“ der Eliten in unserer Gesellschaft nicht beherzigt worden – „Bauernregeln“, die mir auch heute noch die Zornesröte ins Gesicht steigen lassen: Die unsägliche Behauptung, dass derjenige, der eine Patientenverfügung abzuschließen bereit ist, ein egozentrischer Individualist sei und der unhaltbare Hinweis darauf, dass Patientenverfügungen letztlich „Opium fürs Volk“ seien.
„Bauernregeln“, die nur eines offenbaren: eklatante Wissensdefizite über den Stellenwert unserer Grundrechte in einer Gesellschaft.
Der Soziologe Klaus Feldmann bietet bzgl. der Problematik der Patientenverfügungen gleich mehrere „Kostproben aus dem Wildwuchs der pseudouniversalistischen philosophischen oder theologischen quasi-geheimdienstlichen Verdachtverkündigungen“ an und es darf nicht verwundern, dass diese „Kostproben“ ihrem Anspruch gerecht werden: Sie bieten weiterhin eine Orientierung für die immer noch nicht abgeschlossene Debatte etwa der Patientenverfügung eines später an Demenz Erkrankten. „Bauernregeln“ werden moralphilosophisch untermauert und dienen so vordergründig nur dem Zweck, den enthemmten medizinischen resp. ethischen Paternalismus mit einer Legitimationsbasis zu versehen und diesen zu stützen – nach diesseitiger Auffassung auf ewig zu zementieren, könnte doch die Moralphilosophie als eine Art ethische Nebelbombe entlarvt werden, die weniger der Moral zu dienen bestimmt ist als vielmehr der Absicherung der Herrschaft über letzte Sinnfragen des menschlichen Lebens und Sterbens, die um der eigenen Überzeugung willen und dem Fortbestand einiger wirkmächtiger Gemeinschaften zu kolonisieren sind. Die nach Herrschaft strebende Moral der Paternalisten wird zunehmend „marktmäßig“ organisiert und so darf es auch nicht verwundern, dass dieser Prozess insbesondere dann gelingt, wenn er durch ein „Ethikkartell“ organisiert wird, dass sich gegenüber einem öffentlichen Diskurs abschottet. Völlig unbeeindruckt von Meinungsumfragen innerhalb der Bevölkerung setzen die Mitglieder des Ethikkartells ihre Mission fort und da bekomme ich schon manchmal ein „schlechtes Gewissen“ ob meiner individuellen Werthaltung, die sich nun ganz und gar nicht mit den Botschaften des „Ethikkartells“ verträgt.
Die aus guten Gründen vom Staat geforderte und praktizierte vornehme Zurückhaltung in den gewichtigen Dingen der „Moral“ und „Ethik“ gerät dergestalt unter Zugzwang, als dass hier ein „Feld bestellt wird“, dass nicht den Ethikfürsten in unserem Lande überantwortet ist und demzufolge den „Staat“ (und nicht eine einzelne Partei!) gleichsam auf den Plan rufen muss, um die ungeschriebene und unausgesprochene Allianz eines „Ethikkartells“ im 21. Jahrhundert zu unterbinden. Der Souverän kann und darf nicht sehenden Auges mitverfolgen, wenn des Volkes Wille zur bloßen Makulatur wird und Botschafter einer Wertekultur sich dazu hinreißen lassen, letztlich einen Großteil der Bürgerinnen und Bürger zu „entmündigen“ und zu pathologisieren.
Verharren wir einen Moment bei dem Gedanken!
Es schicken sich Missionare an, über unserer letzten Willen – mehr noch, auch über unsere innersten Motive – zu urteilen und sie kommen hier in bestem Einvernehmen zum Ergebnis, dass „wir eigentlich“ nicht selber bestimmen wollen und sofern dies doch ausnahmsweise mal der Fall sein sollte, dieser Wille doch pathologisch und damit schon einmal gar nicht zu beachten sei.
Es werden uns die Segnungen der Palliativmedizin dargelegt und da erscheint es denn auch ungehörig, wenn der schwersterkrankte Patient meint, diese Segnungen nicht für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Die „Ethikkommission“ tagt an unserem Krankenbett; gewichtige Botschaften werden transportiert und alle sind bemüht, dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben! Prinzipiell lobenswerte und hehre Ziele, die allerdings zu verfolgen nur dann gestattet sind, wenn der Patient meint, diesen Weg für sich gehen zu wollen und zwar auch als späterer Demenzpatient! Für mich indes ist völlig klar: Ich beabsichtige nicht, mich in den Dienst irgendeiner „Medizin“ oder „Moral“ zu stellen und da halte ist es schon für einen ungeheuren Frevel, wenn jemand meint, mich als egozentrischen Individualisten zu brandmarken und mich ggf. daran erinnert, dass wenn ich das „Leid annehme“, ich auch ganz persönlich zum weiteren Gelingen des Ausbaus der palliativmedizinischen Forschung und zum Erhalt höherwertiger geistiger und sittlicher Werte und Moralen beitrage.
Ich lebe nicht für die Palliativmedizin oder einer Hospizkultur noch „sterbe“ ich für ein gutes Gelingen eben dieser beiden freilich begrüßenswerten Errungenschaften und Tendenzen in unserer modernen Gesellschaft, sondern werbe vielmehr dafür, dass ein Jeder seinen (!) Weg gehen soll und darf und zwar ungeachtet der Tatsache, ob sich hierzu später mal meine Einstellung ändern wird oder ob das therapeutische Team meint, mit meinem „Lächeln“ eine Willensänderung verbinden zu können.
Und wenn ich mich nicht mehr aus dem Leben verabschieden kann, weil es die Krankheit nicht zulässt, dann wäre es für mich ein „Segen“ – mithin also ein Akt höchster Humanität – wenn eine Ärztin oder Arzt mir hierbei hilfreich zur Seite stehen könnte, denn prinzipiell nehme ich für mich höchst persönlich in Anspruch, den Tagen nicht mehr Leben geben, sondern ggf. meiner Partnerin, meiner Familie und guten Freunden nicht mehr zur Last fallen zu wollen – so wie freilich den anders Denkenden die Option zu ermöglichen ist, nach ihrem Willen zu sterben und sich in die Betreuung einer hierauf spezialisierten Teams zu begeben. Die Gesellschaft wird diese Entscheidungsoptionen aushalten müssen so wie all diejenigen Missionare, die sich zur ethischen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben und im Begriff sind, uns mit einer Wertekultur zu beglücken, die ein Großteil der Bürgerinnen und Bürgen mit ihren Einstellungen zur Sterbehilfe derzeit nicht zu akzeptieren bereit ist und diese völlig übergangen werden.
Was also ist gefordert?
Positiv formuliert: Mehr Toleranz und ein Bekenntnis zu den Werten, die in unserer Verfassung verbürgt sind!
Auch wenn in anderen Zusammenhängen derzeit ganz artig betont wird, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht für den Staat, sondern dieser vielmehr für die Gesellschaftsmitglieder da ist, so gilt dieses erst recht und in einem besonderen Maße für ein von mir gescholtenes „Ethikkartell“, von dem nicht nur Toleranz, sondern auch ein rechtsethisches und damit zugleich tugendhaftes Verhalten einzufordern ist, dass auf dem Boden des Grundgesetzes gründet. Ein unverkrampfter und vor allem ideologiefreier Blick könnte hier ganz entscheidend zur Befriedung eines „Kulturkampfes“ über Werte beitragen, deren Pluralität im Grundgesetz angelegt und von diesem durchaus gewollt ist! Punkt!
Abschließend möchte ich es aber nicht versäumen, Ihnen erneut das Literaturstudium der Schrift v. Klaus Feldmann ans Herz zu legen, bei dem die „Bauernregeln“ (S. 78 ff.) gleichsam benannt und m.E. überzeugend entmythologisiert werden:
Klaus FeldmannSterben, Sterbehilfe, Töten, Suizid.Bausteine für eine kritische Thanatologie und für eine Kultivierungstheorie.Hannover 2010 /Version.116>>> http://www.feldmann-k.de/tl_files/kfeldmann/pdf/thantosoziologie/feldmann_sterben_sterbehilfe_toeten_suizid.pdf <<< (html)
Lutz Barth
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